Ein stetiger Abfluss älterer Anleger aus dem Aktienmarkt, bedingt durch den Renteneintritt, könnte nach Einschätzung von Manuel Buchmann, Demograf an der Universität Basel, zu einem schleichenden, aber anhaltenden Abwärtsdruck auf die Aktienmärkte führen.
Seit 2019 verzeichnet die Schweiz jährlich einen Nettoabfluss von Pensionierten, der die Zahl der Neueintritte in den Arbeitsmarkt übersteigt. Dies belastet die umlagefinanzierten Rentensysteme und verändert die Kapitalallokation nachhaltig. Zwar warnt Buchmann vor einer dramatischen Zuspitzung, doch betont er, dass die Finanzmärkte von dieser Entwicklung nicht unberührt bleiben. Die alternde Bevölkerung zwinge bereits heute zu Anpassungen in Arbeitsmärkten, Geschäftsmodellen und Sparverhalten, so der Experte.
Die Abhängigkeit des Schweizer Rentensystems von der Zuwanderung zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts ist in aktuellen Studien quantifiziert worden. Eine Analyse von Demografik in Zusammenarbeit mit der Initiative «No 10 Million Switzerland» schätzt, dass eine Begrenzung der Nettozuwanderung das Defizit der AHV um jährlich zwischen 4 und 6 Milliarden Schweizer Franken erhöhen würde. Dieses Defizit würde selbst unter Berücksichtigung künftiger Beitragszahlungen von Zuwanderern – aufgrund deren überdurchschnittlicher Beschäftigungsquoten und Lohnniveaus – bis zum Ende des Jahrhunderts bestehen bleiben.
Buchmann unterstreicht, dass die Zuwanderung bisher als stabilisierender Faktor gewirkt und damit schmerzhafte Reformen wie höhere Lohnabgaben, gekürzte Leistungen oder eine verlängerte Lebensarbeitszeit hinausgezögert habe. Doch der demografische Druck in den wichtigsten Herkunftsländern – darunter Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und Portugal – schwäche den Pool potenzieller Migranten, während die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz weiterhin von Lohnniveau und Lebenshaltungskosten abhängt.
Der demografische Wandel verändert zudem das private Sparverhalten. Mit steigender Lebenserwartung und längeren gesunden Lebensphasen in der Rente werden die letzten Lebensjahre zur teuersten Phase. Die Kosten für medizinische Versorgung und Langzeitpflege steigen in den Jahren vor dem Tod, während aktive Rentner ihre Ersparnisse zunehmend in Reisen und Freizeit investieren. Buchmann verweist auf eine anhaltende Lücke in der Finanzkompetenz, insbesondere bei älteren Erwachsenen, die das Langlebigkeitsrisiko unterschätzen, sowie bei jüngeren Generationen, die sich spät mit der Kapitalanlage befassen.
Während Männer im Schnitt über ein höheres Finanzwissen verfügen, erzielen Frauen bei gleicher Partizipation oft bessere Anlageergebnisse. Buchmann plädiert für eine frühere Finanzbildung und betont, dass Personen, die erst mit 60 mit der Planung beginnen, bereits spät dran seien. Die kumulierten Effekte dieser Trends – schrittweise Vermögensverflüssigung durch Rentner, steigende Langlebigkeitskosten und ungleichmässige finanzielle Vorsorge – könnten über die kommenden Jahrzehnte zu einem strukturellen Gegenwind für die Aktienmärkte werden.













