Die Renditen langfristiger Staatsanleihen in Grossbritannien stiegen am Dienstag auf das höchste Niveau seit 1998. Damit setzte sich die globale Anleihenflucht in einen zweiten Tag fort. Auslöser waren steigende Ölpreise und wachsende Inflationssorgen.
Die Rendite der 30-jährigen britischen Staatsanleihen (Gilts) kletterte um 10 Basispunkte auf 5,89 Prozent. Die 10-jährige Rendite erreichte 5,25 Prozent und markierte damit das höchste Niveau seit der Finanzkrise 2008. Die Bewegungen folgten starken Anstiegen der Benchmark-Renditen in Japan und den USA am Montag. Dort stieg die 10-jährige US-Staatsanleihenrendite auf 4,78 Prozent – der höchste Stand seit Anfang 2025. Auch die deutsche 10-jährige Rendite, der europäische Benchmark, stieg auf ein 15-Jahres-Hoch von 3,34 Prozent.
Die Verkaufswelle wurde unter anderem durch einen deutlichen Anstieg der Ölpreise ausgelöst. Brent-Rohöl stieg um über 2 Prozent auf 92,42 Dollar pro Fass, während US-Leichtöl (West Texas Intermediate) fast 2 Prozent auf 87,35 Dollar zulegte. Die Preistrends fielen mit verschärften geopolitischen Spannungen im Nahen Osten zusammen, die das globale Energieangebot weiter verknappten. Die fast vollständige Schliessung der Strasse von Hormuz belastete zusätzlich die Lieferketten für Öl und Gas.
Der Renditeanstieg spiegelt wachsende Besorgnis der Anleger über Inflationsrisiken und hohe staatliche Neuverschuldung wider. In Grossbritannien wird der Spielraum der britischen Finanzbehörde (Office for Budget Responsibility, OBR) gegenüber ihrer fiskalischen Regel auf schätzungsweise 13,8 Milliarden Pfund geschätzt – gegenüber 26 Milliarden Pfund in der Frühlingsprognose. Grund dafür sind vor allem höhere Schuldendienstkosten. Die OBR hatte ursprünglich angenommen, dass die Gilt-Renditen im Jahresdurchschnitt bei 5,1 Prozent liegen würden. Die aktuellen Werte liegen jedoch deutlich darüber.
Ökonomen warnen, dass anhaltend hohe Renditen die öffentlichen Finanzen belasten könnten. Grossbritannien gibt voraussichtlich 3,7 Prozent der nationalen Einkommen für Zinszahlungen aus. Die Kombination aus steigenden Refinanzierungskosten und anhaltender Inflation wirft zudem Fragen zur Glaubwürdigkeit von Fiskal- und Geldpolitik in den grossen Volkswirtschaften auf.
Die Inflationsrate im Euroraum beschleunigte sich im August auf 3,3 Prozent im Jahresvergleich – der höchste Stand seit Mitte 2023. Getrieben wurde der Anstieg vor allem durch einen Preissprung bei Energie von 14,3 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) gilt als sehr wahrscheinlich, dass sie an ihrer Sitzung vom 10. September die Leitzinsen erneut erhöhen wird, um die weiterhin deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent liegende Inflation einzudämmen. Die Kerninflation ohne volatile Energie- und Nahrungsmittelpreise sank leicht auf 2,4 Prozent.
Analysten führen die Anleiherenditeanstiege auf ein Bündel von Faktoren zurück: hohe staatliche Defizite, verstärkte private Kreditaufnahme – insbesondere im Zusammenhang mit KI-Infrastruktur – sowie Sorgen über die langfristigen Auswirkungen wirtschaftspopulistischer Politik auf die Finanzstabilität. Der Renditeanstieg in den wichtigsten Märkten unterstreicht eine breitere Neubewertung der Risikoprämien. Anleger verlangen höhere Entschädigungen für langlaufende Schuldtitel, da die Inflationsdrucke anhalten.













